Raffungen und Tunnelgürtel bestimmen Naht und Saum

Mode 1999:

Den internationalen Modedesignern gelingt es, Widersprüchliches zu einer harmonischen Einheit zu verbinden: willkürlich Gerafftes mit streng geometrischen Schnitten, Naturfaser mit Hightech-Materialien. Vorne geometrisch geschnittene Tops in Kreuzform (Strenesse), als Dreieck (Armani) oder Viereck (Dolce & Gabbana) werden kombiniert mit knöchellangen Ballonröcken (mit Gummizug im Saum), mit zu einzelnen Bahnen zerschnittenen »Faltenröcken« (Prada) oder mit Röcken, deren asymmetrische »Flügelteile« (Lang) oder nach außen gestülpte »Glocken« (Yamamoto) den Stil bestimmen. Bei den Materialien verschmelzen Pelz mit Nylon, Flanell mit Chiffon, Knitterstoffe mit aalglattem Plastik; selbst Seide und Baumwolle erhalten eine glatte, metallisch glänzende Oberfläche.

Transparentes ist zur Selbstverständlichkeit geworden, ebenso wie nach außen gekehrte Nähte. Die Transparenz präsentiert sich als Zweilagen-Look sowohl bei den Tops als auch bei figurbetonten Kleidern: Tüll oder durchsichtiger Chiffon als »Schleier« über Seide oder gechintzter Baumwolle. Bei »einlagigen« Transparent-Tops mindern ethnische Muster in kräftigen Farben die Durchsichtigkeit und wirken wie »Body-paintings«. Auf alle Fälle muss das modische Oberteil bauchnabelfrei sein, zudem werden Hose oder Rock tief auf den Hüften getragen. Der nackte Bauch ist nun das modische »Dekolleté«, durch das sich der Teenager von der Generation der Mütter unterscheiden kann. Dennoch wagen nur die Allermutigsten gemalte »Tattoos« oder Mehndi-Malerei auf den Händen (mit Henna gemalte, spitzenartige Muster nach orientalischem Brauch und durch Popstar Madonna in Mode gebracht), die als »highfashion« gelten.

Die sportive Tagesmode wird deutlich von »Outdoor-activity-outfits« und vom »Workwear« beeinflusst. Tunnelgürtel oder Zugschnur dürfen bei keinem Hosenbund fehlen, ebenso wenig wie seitlich auf den Hosenbeinen aufgesetzte »Cargo«-Taschen. Dazu sind Kapuzenshirts mit Tunneltaschen, ebenfalls aus dünnem Nylon oder aus durchsichtiger Baumwolle, modern. Weiß und alle Grautöne neben Military-Grün sind absolute Farbfavoriten. »In« sind alle Saumlängen ab den Knien.

Die Männermode ist im Sportswearbereich Schrittmacher an Innovationen, gingen doch Cargo-Pants und Kapuzenshirts von der Männer- auf die Frauenmode über. Umgekehrt scheint es mit der Übernahme des Frauenrocks durch den Mann zumindest für den jugendlichen Freizeitbereich ernster zu werden, nachdem Männerröcke bei Hennes & Mauritz reißenden Absatz finden.

Das modische Sakko wird durch eine recht hoch geschlossene Vierknopffront bestimmt, ein unbedingtes Muss ist das graue Hemd und vollkommen »out« die bunte Krawatte, an deren Stelle ein grauer, monochromer Binder den modischen Mann auszeichnet.

Trotz Turbulenzen haben die Haute Couture, die von immerhin noch 200 Kundinnen weltweit gekauft wird, und die Designermode als künstlerischen Daseinszweck und als Ideengeber Zukunft. Die etablierten Häuser verpflichten deshalb weiterhin junge Kreative für ihre Pret-à-porter-Kollektionen: nach dem erfolgreichen Debüt des Belgiers Martin Margiela für das Pariser Traditionshaus Hermés und jenes des New Yorker Marc Jacobs für Louis Vuitton ist der junge Israeli Alber Elbaz, der bereits bei Guy Laroche erfolgreich war, in den »Modeolymp« des Hauses Yves Saint Laurent aufgestiegen.

Aber es gehört in der Zwischenzeit zum reinen Insiderwissen – sowohl wer für wen kreiert, als auch, wer wem gehört: Yves Saint Laurent ist von Sanofi an die Pinault-Printemps-Gruppe verkauft worden, Jean-Paul Gaultier gehört zu einem Drittel Hermès, Prada ist Mehrheitsaktionär von Jil Sander und kontrolliert das in der Zwischenzeit New Yorker Modehaus des österreichischen Designers Helmut Lang.

Zunehmend erhalten die teuren Supermodels Konkurrenz durch Cybermodels und Puppen auf dem Laufsteg. Bei den Defilees des Modehauses Givenchy schrauben sich gläserne, gesichtslose Puppen aus dem Untergrund einschließlich des verantwortlichen Designers Alexander McQueen. Das Haus Chanel stellt auf einer Leinwand das computeranimierte Cybermodel Aimee vor, für das im Hintergrund zwei echte Menschen, ein Body- und ein Face-Performer, Motorik und Mimik an den Computer übermitteln.