Reformen bei der Bahn

Verkehr 1999:

Neue Konzepte für die Bahn bringen 1999 frischen Wind in die Verkehrspolitik. Zum einen will die Bahn AG, an deren Spitze Hartmut Mehdorn zum 16. Dezember den glücklosen Johannes Ludewig ablöst, künftig das bestehende Schienennetz stärker ausbauen und modernisieren statt vorrangig in teure Neubauprojekte zu investieren. Zum anderen sieht das im November verabschiedete Programm der Bundesregierung für Verkehrsinvestitionen vor, dass die Ausgaben für den Schienenverkehr bis 2002 denjenigen für den Straßenverkehr angeglichen werden sollen. Die Bahn bleibt von Sparzwängen verschont.

Erstes Opfer des gewandelten Konzepts bei der Bahn ist die bereits im Bau befindliche ICE-Trasse durch den Thüringer Wald zwischen Nürnberg und Erfurt. Hier sollen lediglich die bereits begonnenen Gleisabschnitte fertiggestellt und an das Schienennetz angeschlossen werden. Unklar ist die Zukunft des geplanten unterirdischen Bahnhofs für Stuttgart. Einstweilen allerdings hat die Bahn mit Imageproblemen zu kämpfen. Eine Serie von Unfällen – wobei der Zusammenstoß zweier Personenzüge am 18. Februar bei Immenstadt im Allgäu zwei Menschenleben kostet – lassen Zweifel an der Sicherheit des Schienenverkehrs aufkommen. Kritiker merken an, dass die Bahn, die seit 1994 die Zahl der Arbeitsplätze um 80 000 auf rd. 252 000 reduziert hat und bis 2003 weitere 60 000 Stellen abbauen will, möglicherweise am falschen Ort, nämlich beim technischen Personal, gespart hat.

Auch Unpünktlichkeit und schlechter Service werden der Bahn vorgeworfen. Nach einer im August veröffentlichen Studie der Stiftung Warentest laufen 45% der Fernzüge mindestens zwei Minuten verspätet ein. Außerdem stellen die Verbraucherschützer fest, dass das Bahnpersonal an den Fahrkartenschaltern sich im Tarifdickicht nur schlecht zurechtfindet. Bei einem Test wurden in 77% der Beratungsgespräche nicht die preisgünstigsten Tickets angeboten. Mehdorn kündigt an, die Tarife einfacher gestalten zu wollen. Ausflügler reagieren verärgert auf die Beschränkung des Tickets »Schönes Wochenende« auf nur noch einen Gültigkeitstag vom 1. April an. Die Bahn begründet die Entscheidung damit, dass ein Missbrauch durch die Weitergabe der 35-DM-Fahrkarte verhindert werden solle. Zudem nutzten 80% der Käufer das Ticket ohnehin nur an einem Tag.

Bei aller Kritik hat die Bahn 1999 einiges an Neuerungen zu bieten. Vom 1. August an verkehrt zwischen Hamburg und Köln der Komfortzug Metropolitan Express Train (MET), der die Strecke mit lediglich zwei Zwischenstopps rd. 40 Minuten schneller bewältigt als ein Intercity. Aber nicht nur in puncto Geschwindigkeit, auch bei Ausstattung und Service soll der MET in Konkurrenz zum Flugzeug treten. Eine einfache Fahrt kostet 180 DM, Reservierung, Zeitung, Getränke und Imbiss inbegriffen.

Von sich reden macht die Bahn auch durch den neuen ICE-Bahnhof am Frankfurter Flughafen. Hier ist ein direktes Umsteigen vom Hochgeschwindigkeitszug ins Flugzeug möglich. Mit seiner Kuppel aus Stahl und Glas ist der Bahnhof einem Airport-Terminal nachempfunden.

Weiterhin kontrovers diskutiert wird 1999 das Thema Transrapid. Ob die Trasse für eine Magnetschwebebahn zwischen Hamburg und Berlin gebaut wird, bleibt unentschieden. Neueste Variante sind Überlegungen, den Fahrweg streckenweise nur eingleisig zu führen, um Kosten zu sparen. Im Bereich des Straßenverkehrs geht es nach Auskunft des neuen Bundesverkehrsministers Reinhard Klimmt (SPD), der im September seinen Parteikollegen Franz Müntefering ablöst, vor allem darum, das Straßennetz in den neuen Bundesländern zu sanieren. Hier soll es aber auch Neubauprojekte geben, etwa die Autobahn von Erfurt nach Suhl.