Widersprüche auf hohem Niveau

Mode 2002:

Die Haute Couture bleibt die hohe Schneiderkunst mit elaborierten Schnitten, komplizierten Drapierungen, üppigen Tüll-und Federkaskaden, willkürlich Flatterndem, unkonventionell Zusammengemixtem. Als Exzentriker kaum zu schlagen ist John Galliano, sowohl seine eigene Kollektion als auch jene des Hauses Dior betreffend. Multiethnisches, vor allem Südamerikanisches, bunt und schrill, zu schlammfarbenen Militärjacken – widersprüchlicher geht es kaum. Dagegen setzen seine Designerkollegen eher auf Schwarz und Dunkelbraun.

Tom Ford kombiniert für Yves Saint Laurent edel Zerrissenes und Zerschlitztes mit Spitze, Samt und Satin, Jean-Paul Gaultier zieht über Hosen kiltartige, zipfelige Röcke und umwickelt

Oberteile mit dünnen Schnüren, Alexander McQueen bringt als Schnürmieder eine Art Ledergeschirr als Schockeffekt, Karl Lagerfeld setzt für Chanel auf Kleider à la 20er Jahre, modernisiert durch überbreite Ledergürtel. Donatella Versace, die sich als Nachfolgerin ihres ermordeten Bruders Gianni erfolgreich etablierte, bringt nicht Mode zum Verhüllen, sondern zur Demonstration schöner Körper.

Das niederländische Designerduo Viktor & Rolf lässt auf die »All is Black«-Furore eine ebenso fulminante »All is White«-Kollektion folgen, die den weißen Hosenanzug zur absoluten VIP-Kleidung werden lässt und bald darauf in den trendigen Modeketten die Insiderin anspricht. Vieles ist so widersprüchlich wie unsere Lebenskultur zwischen Wohlstand und Armut, zwischen Luxus und Lumpen.

Oft genug aber erschließt sich die Welt der Luxusmode nur dem Insider und ist damit der Kunst des 21. Jahrhunderts vergleichbar. Denn vieles, was die internationalen Designer für den Laufsteg so gekonnt zusammenstellen, bleibt in der Alltagsmode auf der Strecke. Die Anregungen der Designer verlangen sehr viel Mut, doch dieser ist den meisten Menschen abhandengekommen. Nur das, was von Modeketten wie Zara, Kookai oder H&M als Mainstream sanktioniert ist, findet reißenden Absatz. Einzig und allein der japanischen Jugend kann die Inszenierung ihrer selbst nicht schrill genug sein.