Wiedergeburt der Alexandrina

Architektur 2002:

In Alexandria, der nach ihrem Gründer Alexander dem Großen benannten Stadt an der ägyptischen Mittelmeerküste, stand in der Antike die bedeutendste Bibliothek der Welt. Von Ptolemäus I. um 300 v. Chr. gegründet, soll sie über einen Bestand von bis zu 700 000 Buchrollen verfügt haben. Die Bibliothek fiel vermutlich 272 n. Chr. einem Brand zum Opfer.

In einer internationalen Kraftanstrengung ist dieses Zentrum des Weltwissens am selben Ort neu erbaut worden. Geplant ist, dass in der neuen Alexandrina einmal 8 Mio. Bände gelagert werden. Bei der Eröffnung 2002 verlieren sich etwa 400 000 Bücher in den Regalen.

Mit dem Entwurf des Neubaus war das norwegische Team Snøhetta beauftragt, das einen Architektenwettbewerb mit 520 Teilnehmern gewonnen hatte. »Unserem Entwurf liegt der Kreis als Grundform zugrunde, weil er als geschlossene geometrische Form das Universale des Wissens und von Büchern symbolisiert. Das Dach ist von einem Mikrochip inspiriert, der ja für Informationsaustausch steht«, erläutert Snohetta. Diese schlichte Grundidee setzt das Architektenteam auf anspruchsvolle Weise um. Die Außenwand in Form eines abgeschrägten, bis zu 32 m hohen Zylinders ist mit handgespaltenen grauen Granitplatten verkleidet. Der archaische Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Schriftzeichen und Symbole aus über 500 Kulturen in den Stein gemeißelt sind – eine Anspielung auf die altägyptische Reliefkunst. Gekrönt wird der Bau von einer gigantischen, silbrig schimmernden Dachscheibe von 160 m Durchmesser, deren 120 Module wie Tragflächen geformt sind und indirektes, die Bücher schonendes Licht in die Innenräume einlassen.

Im Innern haben die Architekten auf historisierenden Bombast verzichtet. Der Lesesaal ist mit seinen 20 000 m2 größer als jede Bahnhofshalle und erzeugt mit den kaskadenartig auf sieben Ebenen verteilten 2400 Arbeitsplätzen, den schlanken Stützen und einer lichten Höhe von bis zu 18 m den Eindruck atemberaubender Weite. Die Fachwelt äußert sich begeistert über den Bau, auch wenn Zweck und Ziel der Bibliothek bis heute noch nicht befriedigend geklärt scheinen – schnöde Fragen angesichts eines Projektes, das vor allem als Symbol gemeint ist.