Es liegt nicht an den Grundschulen

Bildung 2003:

Eine Diagnose nach der Veröffentlichung der PISA-Studie 2001 lautete, dass Kinder in Deutschland im Vor- und Grundschulalter nicht genügend gefordert würden. Nordrhein-Westfalen zieht daraus die Konsequenz, die ersten beiden Schuljahre in einer jahrgangsübergreifenden Eingangsphase zusammenzufassen. Leistungsstarken Schülern soll es ab Sommer 2005 möglich sein, dieses Doppelschuljahr in einem Jahr zu durchlaufen, während Kinder, die langsamer lernen, sogar drei Jahre Zeit erhalten.

Allerdings wird die im Gefolge von PISA geäußerte Kritik an der angeblichen »Kuschelpädagogik« in den Grundschulen durch die Internationale Grundschul-Leseuntersuchung (IGLU), deren Ergebnisse im April 2003 veröffentlicht werden, widerlegt. Unter den 150 000 Schülern der vierten Klasse, bei denen in 35 Ländern Lesevermögen, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz getestet wurden, schneiden diejenigen, die in Deutschland eine Grundschule besuchen, relativ gut ab: Bei der Lesekompetenz belegen sie Platz elf und liegen deutlich über dem internationalen Durchschnitt, und auch in den Bereichen Naturkunde und Mathematik finden sich keine Hinweise auf ausgeprägte Schwächen und Defizite – im Gegenteil: 33,7% der Grundschüler in Deutschland zeigen am Ende der vierten Klasse gute, 8,1% sogar ausgezeichnete naturkundliche Leistungen. Auffallend ist, dass die Koppelung zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft bei Kindern dieser Altersstufe weit weniger eng ist als bei den 15-Jährigen, deren Leistungen PISA untersucht hat. Zudem sind die Leistungsunterschiede bei den Grundschulkindern generell deutlich geringer als bei den PISA-Getesteten. Fazit: Die Grundschulen übergeben den weiterführenden Schulen relativ homogene Schülergruppen, erst dort setzt die Leistungsspreizung ein. Als eigentlichen Skandal bezeichnet es der Leiter der deutschen IGLU-Untersuchung, der Pädagoge Wilfried Bos, dass die Grundschul-Empfehlungen für Hauptschule, Realschule oder Gymnasium fast einem Würfelspiel zu gleichen scheinen. Die von Anhängern des dreigliedrigen Schulsystems gepriesene Selektion der Schüler auf die verschiedenen Schultypen, die angeblich dazu führt, dass dort leistungshomogene Schülergruppen versammelt sind, erweist sich als Fiktion, mit der schlimmen Folge, dass die weiterführenden Schulen, die nicht auf heterogene Gruppen eingestellt sind, zur individuellen Förderung weder bei Leistungsschwachen noch -starken in der Lage sind. Naheliegend wäre es angesichts dieses Ergebnisses, die Differenzierung der Schülergruppen, wenn überhaupt, möglichst spät vorzunehmen. In Niedersachsen allerdings fährt der Zug in die entgegengesetzte Richtung: Die Orientierungsstufe, in der Schüler nach der Grundschule und vor dem Besuch einer weiterführenden Schule gemeinsam in den Klassen fünf und sechs unterrichtet werden, schafft die Landesregierung zum Schuljahr 2004/05 ab. Nun müssen die Eltern schon nach der vierten Klasse entscheiden, welchen weiterführenden Schultyp ihr Sprössling besuchen soll.