Dreimal Rem Koolhaas

Architektur 2004:

Zur großen, zeichenhaften – dabei aber auch stets ein wenig unordentlich wirkenden – Gestaltung tendiert der niederländische Architekt Rem Koolhaas, der mit drei spektakulären Bauten Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das Campus Center, das er für das Illinois Institute of Technology in Chicago gebaut hat, ist eine Auseinandersetzung mit seinem Übervater Ludwig Mies van der Rohe, gegen dessen modernistisch-minimalistisches Anliegen er zeit seines Architektenlebens bei aller Bewunderung rebelliert. Mies hat das Gelände des Instituts in den 1930er Jahren in seriellem Stil mit zwei Gebäudebändern gestaltet. Zwischen diesen Häuserreihen steht sein Common Building, für das der Niederländer nun einen Erweiterungsbau geschaffen hat, ein labyrinthisches Raumgefüge, dekoriert im kruden Materialmix und in bunten Farben. Der Clou des Ensembles besteht in der monströsen geriffelten lärmschluckenden Röhre, mit der Koolhaas die direkt über dem Gebäude verlaufende Bahntrasse verkleidet hat. Sie scheint das Gebäude förmlich zu erdrücken.

So weit ausholen konnte der Architekt für den Neubau der niederländischen Botschaft in Berlin nicht. 17 x 17 m standen ihm für seinen Kubus und einen hakenförmigen schmalen Bau mit Wohnungen für die Botschaftsmitarbeiter – angelegt als Abgrenzung von den wenig qualitätvollen Bauten der Nachbarschaft – zur Verfügung. Von außen wirkt das Gebäude mit der Fassade aus Aluminium und Glas unauffällig, auch wenn es bei Nacht die Spree in den verschiedensten Farben beleuchtet. Im Innern zeigt sich die Fantasie des Architekten im sog. Trajekt, einem in unregelmäßiger Spiralform durch das gesamte Gebäude ansteigenden Weg, der mal breiter, mal schmaler wird, die verschiedenen Ebenen des Gebäudes – Koolhaas spricht von 25, der Fahrstuhl verzeichnet 11 – miteinander verbindet und im Fitnessraum mit knallgrünem Boden kurz unter dem Dach endet. Im Eingangsbereich sieht sich Königin Beatrix, die die Botschaft am 2. März eröffnet, mit einem Vierfachporträt ihrer Person, geschaffen von Andy Warhol, konfrontiert.

In der Central Library im US-amerikanischen Seattle konnte der niederländische Architekt seinem Hang zu einer vitalen, gelegentlich schrillen, auf »edel Schlichtes« pfeifenden Architektur in größerem Maßstab nachgeben. Von außen erscheint das zwölfstöckige Gebäude aus versetzt über einen steilen Block gestapelten Prismen wie eine klotzige Bibliotheksmaschine, die gleichwohl einladend wirkt. Im Inneren hat sich Koolhaas für ein grobes Ordnungsraster entschieden: Statt wie üblich nach Wissensgebieten ist die Bibliothek nach Funktionen unterteilt. Es gibt u. a. eine Plattform fürs Parken, eine fürs Personal, einen Leseraum unterm Glasdach mit Blick auf den Pazifik. Zwischen den Plattformen erstrecken sich sog. Trading Floors als Aufenthalts- und Informationsräume, in denen Computer benutzt und Bibliothekare befragt werden können. Der größte Raum ist selbstverständlich dem Buchbestand vorbehalten, der in einem spiralförmig sich über vier Stockwerke hinziehenden Band von Regalen angeordnet ist. Damit ist auch das Problem des nicht vorhersehbar unterschiedlichen Anwachsens der Bücherzahl in bestimmten Fachgebieten gelöst, vor dem jede Bibliothek steht: Muss für ein Fachgebiet mehr Platz geschaffen werden, schiebt man einfach die anderen Bücher ein Stück weiter nach oben.