Retro-Look bleibt

Wohnen und Design 2004:

Klare, kräftige Farben, Kunststoff, aber auch getöntes Plexiglas gehören zu den Zutaten des weiterhin beliebten Retro-Looks, der sich vor allem auf die 1960er und 1970er Jahre richtet. Manchmal geht es um ein Re-Design von Formen wie dem Ohrensessel (häufig kombiniert mit einem Hocker zum Hochlegen der Füße), die damals als spießig oder bürgerlich abgelehnt wurden. Die klassische Form dieses Sessels wird entweder behutsam reduziert und damit aktualisiert, wie beim Modell 5200 von Rolf Benz, oder im Gegenteil auf die Spitze getrieben. Der Schweizer Designer Alfredo Häberli z. B. hat seinen für die italienische Firma Moroso entwickelten Sessel »Take a line for a walk« mit so großen Ohren ausgestattet, dass sich diese regelrecht um den Kopf klappen lassen. Eine Geborgenheit wie im Mutterleib solle so entstehen, meint der glückliche Erfinder.

Zeitlich noch ein wenig weiter zurück greift der Schalensessel »Oscar« des Unternehmens Knoll, der ebenso auf einem verchromten Bein steht wie der zugehörige Hocker. Er scheint in einen Hollywoodstreifen mit Marilyn Monroe zu passen. Erhältlich ist er in einem kräftigen Rot, wie ohnehin neben Orange und Hellblau vor allem Rot die Entdeckung des Jahres ist – ob in den Schattierungen Tomate, Bordeaux oder als anorganisch-kalter Ton, ob bei Polstermöbeln, Schränken, Teppichen oder sogar an den Wänden. Gern wird die Powerfarbe mit kalten oder warmen Grautönen kombiniert.

Kritikern, die in der Retrowelle einen ästhetischen Stillstand sehen, sei entgegengehalten, dass es zwar äußerlich bei den wieder aufgelegten Möbeln wie dem zeitlos eleganten, filigranen Sessel »Sinus« von Cor aus dem Jahr 1976 oft wenige Veränderungen gibt, doch häufig hat man immerhin an der Ergonomie Verbesserungen vorgenommen, und dieser Faktor spielt mit zunehmendem Alter eine immer größere Rolle.