Discounter werden zu Bioläden

Ernährung, Essen und Trinken 2006:

Was in den 1970er Jahren als Nischenexistenz mit Verkäufern in Latzhosen und schrumpeligen Äpfeln im Angebot begann, ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bio-Lebensmittel gelten als schick, und die ökologisch wirtschaftenden Bauern kommen mit der Produktion kaum nach. Nach Auskunft der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle in Bonn konnte 2005 die Nachfrage nach Biowaren erstmals nicht vollständig bedient werden.

Immerhin zwei Drittel der Verbraucher in Deutschland, so zeigen Umfragen, kaufen ab und zu im Bioladen ein. Mehr als 4 Mrd. € setzte die Branche 2005 um, gegenüber dem Vorjahr ein sattes Plus um 15%. Rd. 807 000 ha wurden 2005 in Deutschland ökologisch bewirtschaftet, immerhin 5,2% mehr als im Jahr zuvor. Allerdings ist die Ausgangsbasis klein: Nur etwa 4,7% der Anbauflächen werden von der Bio-Landwirtschaft genutzt.

Einen großen Anteil am Wachstum der Branche haben die großflächigen Bio-Supermärkte, aber nicht zu unterschätzen ist auch das Öko-Angebot der Discounter. Nach einem erfolgreichen Pilotversuch Ende 2005 springt im April 2006 auch Lidl mit dem Label »Bioness« auf den Zug auf. Zunächst werden in dieser Sparte 40 Produkte angeboten, langfristig sollen 20% des Sortiments aus Öko-Waren bestehen. Der Kundenkreis hat sich im Laufe der Jahre stark gewandelt. »Den klassischen Biokunden gibt es nicht mehr«, erklärt der Sprecher des Bundesprogramms Ökologischer Landbau (BÖL), Elmar Seck. »Den einen schmecken diese Lebensmittel einfach besser, bei anderen überwiegt der Nachhaltigkeits- und Umweltaspekt, und für manche ist es wirklich nur ein Trend, den sie mitmachen.« Eine große Zielgruppe seien junge Familien. »Gerade bei den eigenen Kindern wird auf die Ernährung sehr geachtet, vor allem wenn sie noch klein sind.« Die EU hat schon in den 1980er Jahren begonnen, den ökologischen Landbau zu fördern, zunächst vor allem als Maßnahme gegen die Überproduktion. Seit 1991 legt eine EU-Verordnung fest, wie Produkte erzeugt und gekennzeichnet sein müssen, damit sie die Bezeichnung Bio tragen dürfen. Seit 2001 gibt es auch ein deutsches Bio-Siegel, mit dem fast 30 000 Produkte gekennzeichnet sind.

Eine der Erfolgsgeschichten der Öko-Branche handelt vom Erfrischungsgetränk »Bionade«, das seit seinen bescheidenen Anfängen 1995 mittlerweile zum Szenegetränk aufgestiegen und mit 60 Mio. abgesetzten Flaschen pro Jahr zum Verkaufsschlager geworden ist. Die Geschmacksrichtung Ingwer-Orange der Öko-Limonade wird zudem 2006 mit dem Innovationspreis der internationalen Lebensmittelbranche, dem Sial d’Or, ausgezeichnet.

Chroniknet