Umkehrung aller Werte

Mode 2006:

Eine vollkommene Umkehrung sowohl der Silhouette als auch des Modenschauablaufs erreichen Viktor & Rolf in ihrer Frühjahr/Sommer-Kollektion 2006 durch die Vertauschung von Anfang und Ende, rechts und links, unten und oben – der Saum wird Halsausschnitt, die Arme waren die Beine. John Galliano schickt anstelle wohlproportionierter Models Menschen abseits jeglichen gängigen Normalitätsanspruchs über den Laufsteg: extrem dicke, dünne, alte und hässliche Menschen, Kleinwüchsige und Riesen beiderlei Geschlechts. Doch auch Galliano geht es dabei um Proportionen, sowohl von Kleidung (selbst eine kleine Marionette trägt dasselbe Kleid wie das große Model) als auch von Körpern und Gesichtszügen – und es geht um die Charakterisierung und Typisierung von Menschen, jedoch nie ohne die Leichtigkeit der Ironie. Galliano verleiht den »Ausnahmemenschen« eine positive Ästhetisierung. Dahinter steckt eine Aufforderung zum Nachdenken über Schönheitswahn, Model-Verehrung und Laufsteg-Voyeurismus, aber auch über den Anspruch auf Designerkleidung ungeachtet der eigenen Figur.

Jean-Paul Gaultier wiederum mixt in seiner Sommermode gekonnt europäische Trachten – von Flamencokleidern über Rumänenblusen bis zu Bückeburger Hauben. Die Liebe zur Folklore bringt Patchwork-Jacken, mit Blumen überstickt, auch in die Konfektionsmode.

Prada verkauft die Marke Jil Sander an den britischen Finanzinvestor CCP (Change Capital Partners). Gleichzeitig tritt der belgische Designer Raf Simons das Erbe der einstigen deutschen Vorzeigedesignerin an. Seine erste Kollektion für Herbst/Winter 2006/07 knüpft ganz an ihre ruhige Modernität an.

Chroniknet