Zwischen Soziwo und Townhouse

Architektur 2006:

Ob in Deutschland oder anderswo in Europa – frei finanzierte Mehr- und Einfamilienhäuser mit architektonischem Anspruch haben Seltenheitswert. Das gilt in der Regel auch für den sozialen Wohnungsbau, doch in diesem Bereich finden sich häufiger Ausnahmen, wenn z. B. eine Stadt solche Vorhaben aus Prestigegründen großzügig fördert. Dass ein derartiger Geldsegen, selbst wenn er mit einem berühmten Namen einhergeht, nicht immer ein gelungenes Ergebnis hervorbringt, lässt sich nunmehr in Wien besichtigen. Die 2005 für ihr Automobilwerk in Leipzig mit dem Deutschen Architekturpreis bedachte Zaha Hadid hat dort zwischen Müllverbrennungsanlage, Schnellstraße, U-Bahn-Linie und Donaukanal ein Ensemble von Wohnbauten errichtet, das die Architekturkritik, auch durch äußere Widrigkeiten, als völlig missglückt ansieht: Sparvorgaben haben dafür gesorgt, dass die Fensterflächen verkleinert und an Materialien gespart werden musste. Zudem konnten nur unzählige Stützen das kühn geplante, aber statisch offenbar allzu gewagte Projekt vor der Schieflage bewahren. In den Augen der Kritiker aber das Schlimmste: Die Grundrisse der 34 Wohnungen sind von einer erschreckenden Simplizität.

Ein Missgeschick ganz anderer Art ist auf dem Friedrichswerder in Berlin zu beobachten. Hier entsteht – in Anknüpfung an das seit Jahrhunderten in europäischen Städten bekannte vornehme Bürgerhaus – bis 2008 eine Zeile mit sog. Townhouses, schmalen, vier- bis fünfgeschossigen, wie Reihenhäuser direkt aneinandergebauten Stadthäusern mit kleinen Vorgärten und Höfen, die jeweils von einer Familie genutzt werden. Für diese exklusiven Townhouses haben sich die für 47 Bauherren tätigen 47 Architekten bei der Gestaltung der Fassaden hemmungslos aus dem Baukasten der architektonischen Stile bedient, um eine Individualität zu erreichen, die in dieser Ballung wie schrecklichste Konfektionsware wirkt. Die Architekturkritik spricht von einem »Baumarkt der Eitelkeiten«.

Chroniknet