Ein Stuhl ist ein Stuhl?

Wohnen und Design 2008:

Wer als Designer etwas auf sich hält, entwirft einen Stuhl. Der Franzose Philippe Starck ist auf diesem Feld wiederholt als Trendsetter hervorgetreten, etwa 1999 mit »Marie«, einem minimalistischen Gebilde aus völlig durchsichtigem Polykarbonat. Drei Jahre später folgte der Armstuhl »Louis Ghost« aus dem gleichen modernen Material, doch diesmal in barockisierenden Formen. 2008 kommt von Starck – wiederum beim Hersteller Kartell – das Modell »Hi Cut« heraus. Neben der transparenten Variante gibt es den schlichten, wie »Louis Ghost« stapelbaren Stuhl, der eckige und runde Linien miteinander kombiniert, auch durchgefärbt in Schwarz oder Weiß. Das obere Teilstück der Lehne ist jeweils in Glasklar, Orange, Rot, Grün, Violett oder Grau erhältlich.

Bleibt Starck beim Polykarbonat, so experimentiert Konstantin Grcic bei seinem Freischwinger »Myto« (entworfen in Zusammenarbeit mit BASF für den Hersteller Plank) mit dem auf neuartige Weise eingesetzten Material Polybutylenterephtalat (PCB). Bisher vor allem für Kunststoffverkleidungen in Autos im Einsatz, musste PCB als tragendes Element erst entdeckt werden. Grcic holt bei seinem Plastik-Freischwinger aus dem höchst variablen Material alles heraus: Der Rahmen ist so stabil, dass Schwergewichte sich bedenkenlos auf den Stuhl setzen können, die netzartig durchbrochene, federnde Rückenlehne wirkt hingegen geradezu fragil.

Dass sich Holz unter Einsatz von Dampf und Druck biegen lässt, um daraus Möbel zu fertigen, weiß die Menschheit seit fast 150 Jahren: 1859 stellte die Firma Thonet ihren Kaffeehausstuhl aus Bugholz vor, der längst zum Klassiker geworden ist. Stefan Diez hat nun für Thonet ein Nachfolgemodell geschaffen, das ebenfalls das Zeug dazu hat. Er kombiniert in »404« zwei Fertigungstechniken: Sitz und Rückenlehne sind aus Formsperrholz, Beine und Rückenholme aus Schichtholz. Alle Elemente sind unter der vorn nach unten gebogenen Sitzfläche unsichtbar verschweißt. Bei Diez’ Stuhl überzeugt nicht nur das Design; da die Rückenlehne federt, ist das Sitzmöbel – im Unterschied zum Thonet-Urmodell – auch noch in Maßen bequem.