Von Fassbinder bis Elemens Meyer

Theater 2008:

Unter den Filmadaptionen der Saison 2007/08 ragt »Die Ehe der Maria Braun« nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder von 1979 heraus, eingerichtet von Thomas Ostermeier an den Münchner Kammerspielen. Die Inszenierung lebt nach dem Urteil der Kritik von der Wandlungsfähigkeit Brigitte Hobmeiers, die quasi zwei Figuren spielt, die ehrgeizige und skrupellose Titelheldin, zugleich aber Hanna Schygulla, die Maria Braun des Films.

Viel Beachtung findet auch »Hass« nach dem Film von Mathieu Kassovitz (1995). Er referiert 24 Stunden aus dem Leben dreier Vorstadtjugendlicher – eines Arabers, eines Schwarzafrikaners und eines Juden – in Frankreich, vereint im Hass auf das Establishment, zu dem sie nie gehören werden. Regisseur Sebastian Nübling hat mit der Dramaturgin Juliane Lochte für die Münchner Kammerspiele eine Fassung erarbeitet, die jeden aktuellen Bezug auf Diskussionen über Jugendgewalt meidet. Einen wesentlichen Verfremdungseffekt erzielt er, indem er die Vorstadtjungen von Frauen spielen lässt: Brigitte Hobmeier, Katharina Schubert und Katja Bürkle gewinnen dem Geschehen groteske Züge ab.

Volker Lösch nimmt sich mit seiner Dramaturgin Beate Seidel nach »Dogville« (Film 2003, seine Adaption 2005) nun in Stuttgart mit »Manderlay« (Film 2005) eines weiteren Films von Lars von Trier an. Beide sind schon für die Leinwand in einer minimalistischen Studioszenerie bühnenhaft inszeniert und erinnern mit ihrem moralisierenden Gestus an Lehrstücke von Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt. Während von Trier seinen Film »Manderlay« in den Südstaaten der USA spielen lässt, in denen auch 1933 die Sklaverei faktisch noch nicht abgeschafft ist, stellt Lösch einen Wohn- und Arbeitscontainer auf die Bühne, in dem Männer, Frauen und Kinder – Migranten und Asylsuchende – auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Auf die Freiheit, die andere für sie erkämpfen, verzichten sie; es sei »gesünder, einem Ausbeuter die Schuld zu geben als sich selbst«.

Die Roman-Adaptionen der Saison 2007/08 reichen von Leo Tolstois »Anna Karenina« (1878), von Armin Petras eingedampft und von Jan Bosse für die Ruhrfestspiele als Amour fou zwischen zwei Rotzgören in Szene gesetzt, über Joseph Roths »Hiob« (1930), inszeniert von Johan Simons nach der Textfassung von Koen Tachelet als gefühlvolles, doch nie sentimentales Drama um einen schwer geprüften Gottsucher (André Jung), bis zu Arno Geigers Generationen-Roman »Es geht uns gut« (2005), von Lars-Ole Walburg bei den Wiener Festwochen erinnerungs- und tränenselig auf die Bühne gebracht, und Clemens Meyers »Als wir träumten« (2006). Dieses brachiale Stück Prosa um eine saufende und sich prügelnde Leipziger Jugendgang hat Armin Petras für das dortige Schauspiel süffig umgeschrieben und inszeniert. Auch er setzt auf den Verfremdungseffekt, die Jungs mit Schauspielerinnen zu besetzen, überzeugt die Kritik jedoch nicht: Petras lasse »zwischen Ensemblesport und Kasperletheater nichts aus, was ungut an reformiertes Jugendtheater erinnert«, heißt es in einer Kritik.