Lohnentwicklung verkehrt

Arbeit und Soziales 2009:

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik haben die Arbeitnehmer von einem wirtschaftlichen Aufschwung nicht profitiert. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ging die letzte, von 2004 bis 2008 reichende Boomphase mit einem Rückgang der Reallöhne einher. Die bereinigte Lohnquote, also der Anteil der Löhne am gesamten Volkseinkommen, erreichte ein historisches Tief von 61% (2007 und 2008). Die Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit und aus Kapitalvermögen nahmen hingegen kräftig zu. Als Gründe für diese Entwicklung nennt das DIW die schwache Verhandlungsposition der Gewerkschaften, die unter dem Strukturwandel leiden: Im expandierenden Dienstleistungssektor ist ihr Einfluss traditionell geringer als in der Industrie, wo es keinen Beschäftigungszuwachs gibt. Nach DIW-Erkenntnissen sind nicht nur die Löhne der Geringqualifizierten unter Druck geraten, sondern die aller Arbeitnehmer. Die Beschäftigungsprobleme von Unqualifizierten würden wohl eher herangezogen, um Forderungen nach Lohnerhöhungen generell im Zaum zu halten.

Das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Es verweist darauf, dass nur noch 62% der Beschäftigten in Deutschland in tarifgebundenen Betrieben arbeiten, gegenüber 90% vor der deutschen Wiedervereinigung. Für die Beschäftigten mit Tarifvertrag ergab sich laut WSI 2008 eine reale Lohnsteigerung um durchschnittlich 0,3%, für Arbeitnehmer, die keinem Tarifvertrag unterlagen, ein Minus von 0,3% – der fünfte Rückgang in Folge.

In der Krise rechnen DIW und WSI hingegen damit, dass die Reallöhne erstmals seit Jahren wieder steigen. Beide Institute kalkulieren die durchschnittliche Tarifsteigerung aufs Jahr gerechnet mit nominal 3%; wegen der geringen Inflation ist auch real, also unter Einbezug der Preissteigerung, mit einem kräftigen Zuwachs zu rechnen – mit dem positiven Effekt, dass damit die Kaufkraft und die Wirtschaft insgesamt stabilisiert werden.