Achtstundentag gefordert

Arbeit und Soziales 1902:

Die Industrialisierungsphase im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts führte zu einer grundlegenden Veränderung der Sozialstrukturen. Großbetriebe mit ihren modernen Produktionsmethoden veränderten nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Lebensweise der Menschen, deren neues Zuhause die Großstädte mit ihren riesigen Mietskasernen-Vierteln sind. Bevölkerungswachstum sowie die Konzentration und Modernisierung von Landwirtschafts- und Handwerksbetrieben zwingen die besitzlose Bevölkerung, in den aufstrebenden Wirtschaftszentren neue Perspektiven zu suchen.

Die großen Unternehmen zahlen besser als gewohnt, vor allem an Facharbeiter. Deren Löhne sind von 1893 bis 1902 um 14% gestiegen, wohingegen für die große Masse der Ungelernten lediglich eine Zunahme von 6% zu verzeichnen ist. Der durchschnittliche Jahresverdienst eines Arbeiters etwa beträgt 784 Mark im Jahr 1900 und 849 Mark im Jahr 1905, wovon ungefähr drei Fünftel für Lebensmittel ausgegeben werden müssen. Obwohl die deutsche Sozialgesetzgebung mit der Kranken-, Invaliden- und Arbeiterunfallversicherung im Vergleich zu anderen Industrieländern gut dasteht, muss man die Arbeits- und Lebensbedingungen des größten Teils der Lohnabhängigen als menschenunwürdig bezeichnen. Die Arbeitszeit beträgt üblicherweise noch immer 12 bis 16 Stunden am Tag – und das gleichermaßen für Männer, Frauen und auch Kinder. Die Einführung des Achtstundentages ist eine der Hauptforderungen des internationalen Gewerkschaftskampfs – so im Streik der französischen Bergarbeiter im September/Oktober, an dem über 1006 000 Kumpel teilnehmen, oder im US-Bundesstaat Pennsylvania, wo von Mai bis Oktober mehr als 140 000 Bergarbeiter einen erbitterten Kampf u. a. für die Einführung des neunstündigen Arbeitstages führen. Oft genug werden die Auseinandersetzungen mit großer Härte geführt: Polizei geht mit Säbeln und Schusswaffen gegen Arbeiter vor, sodass immer wieder Tote zu beklagen sind. Die Streikbewegung der deutschen Gewerkschaften steht noch unter dem Schock der Wirtschaftskrise, die im Jahr zuvor ihren Höhepunkt hatte. Aus Angst vor Entlassungen ist die Streikbereitschaft zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit betrug 1901 im Deutschen Reich 6,7% (1902 sinkt sie wieder auf 2,9%) und wurde erstmals zu einem offiziell anerkannten Problem, sodass auch Behörden die Einrichtung von Arbeitsämtern und einer Arbeitslosenversicherung erwägen.