Erinnerung und Utopie

Erinnerung und Utopie
Glaspyramide im Innenhof des Louvre © Foto Josef Höckner, München

Architektur 1989:

Wie vieles andere steht auch die Architektur des Jahres 1989 im Zeichen der 200-Jahr-Feiern der Französischen Revolution. Mit der Glaspyramide in der Cour Napoléon des Louvre (<!– 29.3.1989 –>) und der Grande Arche im Pariser Stadtteil La Défense setzt François Mitterrand der Grande Nation und sich selbst triumphale Denkmale: Nach sechsjähriger Planungs- und Bauzeit wird zum Osterfest die lichtdurchflutete, gläserne Pyramide des amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei fertiggestellt ein kristallines Monument, das den – nun unterirdisch gelegten – Eingang zu den Museen des Louvre überhöht. Die Kegelform der Stahl-Glas-Konstruktion spielt mit historischen Assoziationen: Den ägyptischen Pyramiden entlehnt, galt sie den französischen Architekten des späten 18. Jahrhunderts wegen ihrer mathematisch reinen Struktur als ideale Bauform. Darüber hinaus wurde sie zum Wahrzeichen des 1798/99 erfolgten Ägyptenfeldzugs Napoleon Bonapartes.

Grande Arche © Foto Josef Höckner, München

Grande Arche © Foto Josef Höckner, München

Weitaus prätentiöser noch präsentiert sich die Grande Arche, der überdimensionale Triumphbogen an der »Königsachse« Louvre, Carrousel, Champs-Élysées, Arc de Triomphe, Schloss von Saint-Germain-en-Laye. Der dänische Architekt Johan von Spreckelsen entwarf im Auftrag Mitterrands für das Neubauviertel La Défense ein 110 m hohes »Fenster«, das sich symbolisch der Welt und der Zukunft öffnen soll. Die klare, geometrische Form, ein monumentaler offener Kasten, hat metaphysische Qualitäten, die durch das Ausstattungsprogramm noch unterstrichen werden. Dennoch ist sie mit 35 Büroetagen in den Wangen und einem Dach mit marmorner Aussichtsterrasse sowie Restaurant höchst funktionell konzipiert. Zur Planung gehört, dass hier die Gesellschaft für Menschenrechte ihren Sitz findet.

Trotz dieses »demokratischen« Anspruchs ist nicht zu übersehen, dass Mitterrand mit seinem persönlich geprägten, plakativen und städtebaulich dominierenden Bauprogramm an die Vorstellungen barocken Mäzenatentums anknüpft – fernab der andernorts tobenden Kontroverse um Postmoderne und Dekonstruktivismus.

Wie in der Grande Arche in Paris werden auch in dem von Philip Starck entworfenen Asahi-Gebäude in Tokio die Grenzen zwischen Architektur und Skulptur überwunden. Blickfang und bestimmendes Element der dem Brauereikonzern zugehörigen Halle ist eine rätselhaft wulstige »Flamme«, die aus dem trapezförmigen Baukörper emporzulodern scheint. Starcks Architektur ist, obwohl zeichenhaft, doch völlig frei von historischen Bezügen und programmatischen Aussagen. Sie ist materialisierte Fantasie und persönliche Fiktion.

Die weiteren Bauten, die im Jahr 1989 fertiggestellt werden, wirken weniger provokant: Zu nennen sind Frank O. Gehrys Edgemar Center in Santa Monica und Aldo Rossis Il Palazzo Hotel im japanischen Fukuoka. Gehrys Bau ist – wie viele seiner Werke – aus unterschiedlichen Körpern und Materialien zusammengesetzt. Bei dem kalifornischen Einkaufszentrum stellte sich der Architekt einer besonderen Herausforderung: Es galt, eine stillgelegte Farm zu restaurieren und in ein rentables Ensemble zu verwandeln. Gehry benutzte dabei erhaltene Bauteile, die er entfremdete und zu zeichenhaften neuen Strukturen umdeutete.

Auch der Mailänder Architekt Aldo Rossi bleibt seinem Stil treu: Der klassischen Baukunst entlehnte Strukturen – Axialität, Symmetrie, harmonische Proportion – und die Grundformen Kubus, Kegel, Zylinder – bestimmen seinen Hotelbau. Doch wirkt Rossis auf Archetypen konzentrierte Architektur trotz ihrer europäischen Prägung in ihrem neuen Kontext nicht fremd.

Unterdessen erregt in Kärnten die Architektenvereinigung COOP Himmelblau mit ihrer dekonstruktivistischen Papierfabrik Funder 3 Aufsehen; und in Saarbrücken gelingt Gottfried Böhm mit dem gläsernen Mitteltrakt des Schlosses ein Meisterwerk der Verbindung von moderner Architektur und historischer Substanz.