Richtungsstreit in der Sowjetunion – Blutbad beendet Demokratiebestrebungen in China

Politik und Gesellschaft 1989:

Während in den Ostblockstaaten die Weichen in Richtung Demokratie gestellt werden, wirkt der Mann, der die Entwicklung angestoßen hat, der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, gerade so, als habe er den Anschluss verpasst. Er will zwar an seinem Reformkurs festhalten, lehnt es aber ab, auf den Führungsanspruch der Kommunistischen Partei zu verzichten. Dabei gerät er immer stärker in Bedrängnis. Die Konservativen leisten Widerstand gegen einen Umbau des Systems, die Radikalreformer fordern ungeduldig schnellere Fortschritte. Blutig ausgetragene Nationalitätenkonflikte in mehreren Sowjetrepubliken und das Unabhängigkeitsstreben insbesondere der drei baltischen Republiken sind Vorzeichen für den Zerfall der Supermacht, die sich Ende 1991 auflöst.

Im Gegensatz zur Entwicklung in Europa, wo trotz des teilweise erbitterten Widerstands der Machthaber das Volk schließlich die Oberhand behält, setzen sich in der Volksrepublik China die regierenden Kommunisten durch. In einem grauenhaften Massaker bereiten sie in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni der Demokratiebewegung ein blutiges Ende. Die westliche Welt zeigt sich entsetzt, geht allerdings nach einer gewissen Schamfrist zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht wieder zur Tagesordnung über. Von den Ostblockstaaten bekundet vor allem die DDR-Führung ihre Zustimmung zu dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens und versucht damit, auch die eigene Bevölkerung unter Druck zu setzen – ohne Erfolg.