Chemie in Lebensmitteln schreckt Verbraucher auf

Ernährung, Essen und Trinken 1969:

Gegen Ende der 60er Jahre setzt eine kritischere Überprüfung der Qualität von Nahrungsmitteln ein. Das Problem umweltbelasteter Nahrung, daneben aber auch der Hunger in der Dritten Welt dringen in das Bewusstsein breiterer Kreise ein.

Im April erscheinen in der Bundesrepublik Presseberichte über Schweizer Käse-Exporte, die mit Rückständen von Insektenvertilgungsmitteln belastet sind. Der von Gesundheitsbehörden der USA beschlagnahmte Käse enthält 18 bis 20 Hundertstel ppm (parts per million = Teile auf eine Million) Dieldrin und Lindan, die zu der besonders wirksamen und gefährlichen Klasse der chlorierten Kohlenwasserstoffe gehören. Die Gifte können zu Krämpfen und Lähmungserscheinungen führen.

Als Ursache der Verseuchung wird u.a. die Behandlung von Stallwänden mit Insektiziden ausgemacht. In Milch aus Bayern werden ebenfalls Rückstände von Insektenvertilgungsmitteln entdeckt, wenn auch in geringen Mengen. Beunruhigend sind auch die in Milchproben gefundenen Antibiotika.

Bislang gibt es bei tierischen Produkten in der Bundesrepublik noch keine gesetzliche Höchstmengenregelung für gesundheitsgefährdende Rückstände. Milch beispielsweise wird noch immer nach Vorschriften und Normen von 1930/31 beurteilt, die dem Stand der modernen Lebensmittelproduktion nicht mehr gerecht werden.

In anderen Teilen der Welt dagegen bestimmt die Sorge um das nackte Überleben den Umgang mit der Nahrung. So stellt der Reis – Hauptnahrungsmittel für mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung – die Landwirtschaft vor schwierige Probleme. Reis wird zu 90% in Asien angebaut und konsumiert. In den tropischen und subtropischen Gebieten jedoch sind die Reissorten nicht besonders ertragreich (Ernte pro Hektar in tropischen Gebieten: 1500 kg; zum Vergleich Japan: 5000 kg). Deshalb wurde in Los Banos auf den Philippinen ein Internationales Institut für Reisforschung errichtet. Das Institut verzeichnet bereits erste Erfolge: 1969 wird aus Kreuzungen einer kleinwüchsigen Reissorte aus Formosa mit einer höherwüchsigen aus Indonesien eine neue ertragreiche und widerstandsfähige Abart entwickelt.

Auch Bundespräsident Gustav Heinemann mahnt anlässlich der Eröffnung der einwöchigen Allgemeinen Nahrungs- und Genussmittelausstellung »Anuga« in Köln am 4. Oktober die Bundesbürger, an die Hungernden in der Dritten Welt zu denken. Auf der Anuga selbst jedoch stehen ganz andere Fragen im Mittelpunkt. Die Ernährungswirtschaft wird aufgefordert, ihre Produkte stärker zu spezifizieren und auf bestimmte Verwendungszwecke auszurichten (als Beispiele werden genannt Ein- und Zwei-Personen-Packungen, Babykost, Diät- und Diabetiker-Kost). Dabei verweist der Präsident des deutschen Lebensmitteleinzelhandels, Walter Steffen, auf den sich immer rascher vollziehenden Produktwandel. Rund 80% der Markenartikel waren vor 15 Jahren noch unbekannt.

Hohen Genuss für Weinfreunde verspricht der Jahrgang 1969: Mit Gütenoten von 2,4 für weiße und 2,2 für rote Sorten sollen die deutschen Weine an die Jahrgänge 1953 und 1963 heranreichen.