Leistung im Vordergrund

Bildung 1999:

Evaluation, Qualitätssicherung und Leistungsförderung sind politische Schlagworte in einer Situation, in der die von Eltern, aber auch von Wirtschaftsverbänden geforderten höheren Bildungsstandards auf knappe öffentliche Mittel treffen. Das Verlangen nach Chancengleichheit tritt demgegenüber in den Hintergrund.

Ganz explizit an eine Elite wenden sich die Privathochschulen, die in Deutschland in großer Zahl gegründet werden. Sie rekrutieren ihre Studenten aus Gewinnern von Wettbewerben, Stiftungs-Stipendiaten und aus Hochbegabtenschulen, und sie locken exzellente Lehrkräfte mit Gehältern, die weit über denen im öffentlichen Dienst liegen. Für Internationalität sorgen die Unterrichtssprache Englisch und die Bachelor- und Master-Abschlüsse.

Neben Hochschulen für Management und Wirtschaftswissenschaften bzw. für internationales Recht wird mit der International University of Bremen am 13. Januar eine Institution ins Leben gerufen, die sich mit Recht Universität nennen darf, wird sie doch ab Herbst 2000 ein breitgefächertes Studienangebot in Ingenieur- und Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften bieten. Kritisiert wird allerdings, dass diese Privatuniversität von der öffentlichen Hand mit 230 Mio. DM finanziert wird und der staatlichen Bremer Hochschule unter ungleich günstigeren Bedingungen – Studiengebühren von 15 000 DM jährlich, Möglichkeit zur Auswahl der Studenten – eine unfaire Konkurrenz mache. Auch bei den staatlichen Hochschulen soll eine leistungsgerechtere Bezahlung der Lehrkräfte für frischen Wind sorgen. Nach Plänen von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) wird es keine Gehaltserhöhung nur von Alters wegen mehr geben. Die dadurch frei werdenden Gelder sollen nach Kriterien wie Erfolge in Forschung und Lehre, Entwicklung neuer Studiengänge und Zahl der Abschlüsse an die Professoren verteilt werden.

An der materiellen Situation der Studenten ändert sich 1999 relativ wenig. Zwar werden die Bedarfssätze und die Elternfreibeträge nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) zum September um 2 bzw. 6% angehoben, doch eine grundlegende Reform der Ausbildungsförderung steht weiterhin aus.

Auch hinsichtlich der Lehrer-Bezahlung werden differenzierte Modelle diskutiert, denn die unterschiedliche Belastung nach Fächern und daraus resultierendem Korrekturaufwand erscheint zunehmend als ungerecht. Den Kultusministern geht es zunächst jedoch offenbar darum, außerhalb des eigentlichen Unterrichts engagierten Pädagogen mehr Geld zukommen zu lassen. In Baden-Württemberg soll ab Januar 2000 die automatische Gehaltserhöhung mit dem Alter abgeschafft werden; Pädagogen, die sich besonders hervortun, rücken schneller in die nächste Gehaltsstufe auf. In Niedersachsen ist ab dem Schuljahr 2000/2001 ein System von Prämien und Extra-Zuwendungen geplant: Die Schulleitung entscheidet über die Vergabe des Zusatzgeldes an die engagiertesten 10% ihrer Lehrkräfte. Bei so viel Leistungswillen von oben können sich die Schüler nicht ausruhen. 1999 legen in Baden-Württemberg die ersten Jahrgänge eines Schulversuchs nach acht Jahren am Gymnasium ihr Abitur ab, und solche Turbo-Gymnasien sollen als Wahlmöglichkeit im Schulgesetz verankert werden.

Weitere Modelle: In Berlin wird erwogen, die Möglichkeit einzuräumen, das achte Schuljahr zu überspringen, in Nordrhein-Westfalen hat man dafür das elfte Schuljahr – von vielen Schülern für Auslandsaufenthalte genutzt – auserwählt, in Rheinland-Pfalz ist dieses Schuljahr auf ein Halbjahr verkürzt worden, und in Hamburg ist eine Differenzierung der gymnasialen Unterstufe im Gespräch: Den Unterrichtsstoff, für den die meisten Schüler die Klassen sechs bis acht brauchen, erledigen einige Auserwählte in zwei Jahren.