Tod de Gaulles, Anerkennung der Oder-Neiße-Linie: Voraussetzungen in Europa ändern sich

Tod de Gaulles, Anerkennung der Oder-Neiße-Linie: Voraussetzungen in Europa ändern sich
Empfang für Staatspräsident de Gaulle. Einweihung der deutschen Botschaftsresidenz, Palais Beauharnais, in Paris (1968). Bundesarchiv, B 145 Bild-F026330-0032 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1970:

Der französische Publizist Jean-Jacques Servan-Schreiber äußerte nach dem Tod von Charles de Gaulle im November 1970: »… Was war, wird nie mehr sein. Die ewige Wiederkehr gehört der Vergangenheit an. Eine andere Geschichte beginnt. Nicht mehr Eroberung, Herrschaft, Elend, Misstrauen und Kalkül, die in der und durch die Nation das Schicksal der Menschen bestimmt haben, sondern wahrhaft eine neue Geschichte, in der dieses Spiel da keinen Sinn mehr gibt, in der sich die Lebensregeln für Menschen wie Gemeinschaften umstülpen werden.«

Diese Worte, die angesichts der politischen Umwälzungen gegen Ende der 80er Jahre fast prophetisch anmuten, können auch für weitere historische Einschnitte gelten, die das Jahr 1970 vor allem für die Bundesrepublik mit sich brachte – Ereignisse wie etwa die Unterzeichnung der Ostverträge in Moskau und Warschau. Sie waren in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit heftig umstritten, und dieser Streit spiegelte auch die Positionen des Gestern und Morgen wider. Die Auseinandersetzung spaltete die Bevölkerung in einen Teil, der noch immer von einem großdeutschen Reich träumte, und einen Teil, der die Rechte des polnischen und sowjetischen Volkes auf die Anerkennung ihrer Grenzen akzeptierte. Die Ostpolitik der sozialliberalen Regierung, das jedenfalls lässt sich im Rückblick festhalten, ließ die europäischen Staaten in West und Ost einander wieder näherkommen – oder, um die Worte von Servan-Schreiber noch einmal aufzugreifen: »Eine andere Geschichte beginnt.«