Deutsche müssen auch im zweiten Nachkriegsjahr hungern

Ernährung, Essen und Trinken 1920:

Gegenüber den Vorkriegsjahren weist der Konsum an wichtigen Grundnahrungsmitteln im Deutschen Reich einen erschreckenden Rückgang auf. Wichtige Grundnahrungsmittel sind rationiert.

Im Vergleich zu 1913 ergibt sich ein drastisch gesunkener Verbrauch an Kartoffeln, Fleisch und Südfrüchten. Auch der Konsum an Genussmitteln wie Kaffee und Bier macht nur noch einen Bruchteil der Vorkriegsmenge aus. Dagegen steigt der Verzehr beispielsweise von Hering – dem »Fleisch der Hungernden« – um mehr als das Doppelte.

Neben der fehlenden Kaufkraft breiter Schichten sind – so ein Exposé von Reichsernährungsminister Andreas Hermes (Zentrum) – folgende Gründe für die Ernährungsprobleme verantwortlich:

  • Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion in Kriegs- und Nachkriegszeit (auch durch Verlust von Agrargebieten).
  • Fehlende Betriebsmittel (Futter, Dünger) zur Steigerung der Agrarproduktion.
  • Fehlende Finanzen zum Import von Nahrungsmitteln.

Bereits im Februar mahnt das Reichsernährungministerium in einer Denkschrift eindringlich zum sparsamen Umgang mit Brot und kündigt eine Senkung der Mehlrationen an. Zum Jahresende ist die Brotversorgung nur noch für rund vier Monate gesichert. Auf einer Reichsernährungskonferenz von Reichs- und Landesregierungen am 1. September wird eine eingeschränkte Lockerung des Zentralbewirtschaftungssystems diskutiert. In Einzelbereichen (Kartoffeln, Fleisch) praktiziert, führt es teilweise zu Wucherpreisen für die Verbraucher . Aus der Lebensmittelkrise im Deutschen Reich resultieren Unterernährung und damit schwere gesundheitliche Schäden. Besonders stark betroffen sind Kinder. Allein in Frankfurt am Main leiden mindestens zwei Drittel der 64 000 Schulkinder an Folgen von Unterernährung. Am 28. November weist die »Frankfurter Zeitung« angesichts der Tatsache, dass rund vier Fünftel der deutschen Bevölkerung verelendet sind, in einem dramatischen Hilfsappell auf die Situation der Kinder hin. U. a. heißt es dort: »Nicht nur in den großen Städten …, auch in der Kleinstadt und in den Tagelöhner- und vaterlosen Familien auf dem Lande hungern und frieren Hunderttausende junger Kinder und tun mit unzulänglichen Kräften Knecht- und Magddienste, um sich wenigstens einmal am Tage satt essen zu dürfen.«