Wirtschaftskrise zwingt auch Haushalte zu Sparsamkeit

Ernährung, Essen und Trinken 1930:

Die schlechte Wirtschaftslage im Deutschen Reich zwingt immer mehr Menschen zur Sparsamkeit auch beim Einkauf von Nahrungsmitteln. Trotz sinkender Lebensmittelpreise können sich viele Menschen kaum noch lebensnotwendige Nahrungsmittel leisten. Die wachsende Arbeitslosigkeit macht den Hunger in den Familien der unteren Bevölkerungsschichten zu einer alltäglichen Erscheinung.

Die Lebenshaltungskosten sind zwar im Vergleich zum Jahr 1929 gesunken, doch viele Familien müssen mit erheblich weniger Geld auskommen. Die Arbeitslosenzahlen steigen im Deutschen Reich von 1 899 000 (1929) auf 3 076 000 (Ende 1930) an. Zudem müssen diejenigen, die eine Arbeitsstelle haben, mit weniger Geld rechnen, da Lohnkürzungen 1930 keine Seltenheit sind. Vor allen Dingen in den kinderreichen Arbeiterfamilien führt die Arbeitslosigkeit des Hauptverdieners zu großen Engpässen in der täglichen Ernährung. Das Geld reicht meist nur für die Grundnahrungsmittel. Wer kein Arbeitslosengeld mehr erhält, sondern von der kommunalen Wohlfahrt oder von der Krisenfürsorge leben muss, ernährt sich hauptsächlich von Brot und Kartoffeln. Allenfalls kann er sich noch Margarine und Malzkaffee leisten. Den größten Hunger der Armen stillen oftmals die Notküchen, die von Wohlfahrtsorganisationen eingerichtet werden und kostenlos eine warme Mahlzeit am Tag für Mittellose ausgeben.

Aber auch dort, wo noch ein Einkommen vorhanden ist, bleiben Fleisch, Weizenmehl und Butter unerschwinglich. So muss z. B. ein Facharbeiter mit einem Stundenlohn von 1,02 RM für ein Kilogramm Rindfleisch über zwei Stunden arbeiten, für ein Kilogramm Butter, die im Vergleich zum Vorjahr immerhin um 14,4% billiger geworden ist, über drei Stunden. Der Pro-Kopf-Jahresverbrauch von Fleisch, der in den Arbeiterfamilien ohnehin sehr gering war, geht 1930 von 70,85 kg auf 69,65 kg zurück.

Auch in den Familien von Beamten und Angestellten muss gespart werden, weil Gehaltskürzungen den Etat für Lebensmittel erheblich eingrenzen. Die seit der Mitte der 20er anhaltende Vorliebe der Konsumenten für ausländische Lebensmittel geht zurück, doch nicht selten werden immer noch diese Produkte wegen ihrer hohen Qualität gekauft. Die Vorliebe für ausländische Ware, nicht nur in bessergestellten Schichten, begründet die Hausfrau Margarete Caemmerer in der »Vossischen Zeitung«: »Das Wirtschaftsgeld der deutschen Hausfrau ist heute so knapp bemessen, daß sie nur Qualitätswaren einkaufen kann. Sie hat zu wenig Geld zur Verfügung, um sich auf das Risiko eines großen Abfalls einlassen zu können. Beim Einkauf ausländischen Obstes zum Beispiel ist sie sicher, daß die Birnen nicht mulsch sein werden.«

Ein wesentlicher Grund für die Beliebtheit ausländischer Produkte liegt in ihrem ansprechenden Äußeren. So sieht z. B. das in den Läden angebotene holländische Geflügel appetitlicher und frischer aus als deutsche Hühner, Enten und Tauben; Verbraucher kritisieren, dass Züchter und Händler bei Schlachtung und Transport des Geflügels nicht die erforderliche Sorgfalt walten lassen. Die aus Dänemark kommenden Eier werden wegen ihrer gleichmäßigen Größe und ihrer Frische bevorzugt, die bei deutschen Eiern nicht immer gewährleistet ist. Erst seit Kurzem gibt es im Deutschen Reich Richtlinien für Staffelung, Kennzeichnung und Verpackung von Eiern.

Die deutsche Landwirtschaft hat immer größere Schwierigkeiten, für ihre Produkte einen angemessenen Preis zu erzielen. Dies liegt weniger am Absinken der inländischen Nachfrage, sondern an der landwirtschaftlichen Überproduktion der letzten Jahre und an der wachsenden Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Insbesondere die Roggenproduzenten klagen über den Preisverfall. Der Preis von Roggenmehl ist im deutschen Großhandel von 26,94 RM (1929) für 100 kg Roggenmehl auf 24,33 RM (1930) gesunken. Durch eine großangelegte Werbekampagne erhoffen sich die Landwirte eine Steigerung des Absatzes. So werden rund 200 000 sog. Roggenfibeln an Schulkinder verteilt; in Bäckerläden erhalten Kunden Gratisproben Roggenbrot und auf Hunderten von Plakaten wird für den Verzehr von Roggenprodukten geworben. Ginge es nach den Roggenproduzenten, sollte jeder Deutsche 400 g Roggenbrot (ungefähr acht Scheiben) am Tag verzehren.

Der allgemein gesunkene Lebensstandard wirkt sich auch auf den Alkoholkonsum aus. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Bier geht von 90,0 l (1929) auf 74,7 l zurück. Das Gleiche gilt für teurere Alkoholika, wie Brannt- und den Schaumwein. Während 1929 der Wein wie schon in den vorhergegangenen Jahren von hervorragender Qualität war, gilt der Wein des Jahres 1930 unter Fachleuten als schlechter Jahrgang. Aber nicht nur im Deutschen Reich fällt die Weinernte für die Winzer enttäuschend aus, auch im übrigen Europa bleibt sie hinter den Erwartungen der Weinproduzenten zurück.